Eine neue Themenwand auf Schloss Horneck erzählt von Kirchenburgen als Schutzorten, Glaubensräumen und Wahrzeichen Siebenbürgens. Das Projekt entstand mit Förderung durch das Bundesministerium des Innern. Heidrun Negura, Ehrenmitglied des Siebenbürgischen Kulturzentrums Schloss Horneck e. V. (Schlossverein), verantwortete das Projektmanagement und entwickelte die Texte. Gemeinsam mit ihr strukturierte der Klausenburger Grafikdesigner Dr. Radu Nebert die Wand, wählte die Bilder aus und bearbeitete viele der Fotos. Das umfangreiche Material gestaltete er und gab ihm eine Form.
Frau Negura, Herr Nebert, wer den Flur im zweiten Stock von Schloss Horneck entlanggeht, trifft nun auf eine große Themenwand „Kirchenburgenlandschaft Siebenbürgen“. Warum mussten die Kirchenburgen ins Schloss?
Heidrun Negura: Weil sie für die Siebenbürger Sachsen ein zentrales Thema ihrer Geschichte sind. In fast jedem siebenbürgisch-sächsischen Dorf steht eine Kirchenburg, Wehrkirche oder eine andere befestigte Anlage. Sie prägten das Dorf und standen im Mittelpunkt der Gemeinschaft. Sie boten Schutz in Gefahr, waren sakraler Raum und damit auch ein Ort seelischen Schutzes Viele Menschen haben sich dort schon als Kinder behütet gefühlt, für viele bedeuten sie Heimat.
Dr. Radu Nebert: Die Kirchenburgen prägen nicht nur einzelne Orte, sondern die ganze Landschaft Siebenbürgens und verschmelzen zu einer Kulturlandschaft. Sie erzählen von Jahrhunderten Geschichte, von romanischer Architektur und Gotik bis zu späteren Bauformen. Sie gehören nicht allein zur Erinnerung der Siebenbürger Sachsen, sondern prägen auch das Leben der heutigen Bewohnerinnen und Bewohner.
Wie wurde aus diesem Gedanken eine konkrete Themenwand?
Heidrun Negura: Alfred Mrass, ehemaliger stellvertretender Bundesvorsitzender des Verbandes der Siebenbürger Sachsen, sagte einmal, bei uns fehle noch das wichtigste Thema der Siebenbürger Sachsen an den Wänden des Schlosses: die Kirchenburgen. Er hatte recht, aber eine Möglichkeit zur Umsetzung gab es zunächst nicht. An einem Kulturwochenende auf Schloss Horneck fragte Dr. Bernd Fabritius, der Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten im Bundesministerium des Innern, ob es noch eine Idee für eine Themenwand gäbe. Die Kirchenburgen waren sofort wieder präsent. Heidi Mößner, Vorsitzende des Siebenbürgischen Kulturzentrums, stellte den Antrag auf Förderung, Radu und ich sagten zu, Dr. Konrad Gündisch und Dr. Axel Froese versprachen ihre Hilfe.
Warum blieb für die Umsetzung so wenig Zeit?
Heidrun Negura: Die Förderung bezog sich auf das Haushaltsjahr 2025. Deshalb musste das Projekt bis zum Jahresende abgeschlossen sein. Nach der Förderzusage blieben nur wenige Wochen für Texte, historische Prüfung, Bildrecherche, Rechteklärungen, Gestaltung und Druckvorbereitung. Das fiel zudem in die Winter- und Weihnachtszeit. Für eine Themenwand dieser Größe war das sehr sportlich.
Sie mussten nicht nur gute Bilder finden, sondern auch die Nutzungsrechte klären.
Heidrun Negura: Ja, für jedes einzelne Foto brauchten wir eine schriftliche Einverständniserklärung. Das kostete viel Zeit. Manche sehr schönen Aufnahmen durften wir nicht nutzen, weil die Rechte nicht geklärt waren oder die Auflösung nicht passte. Außerdem brauchten wir Bilder aus verschiedenen Regionen. Es genügt nicht, wenn ein Fotograf wunderbare Aufnahmen aus einem Ort liefert und aus anderen Gegenden nichts vorhanden ist. Viele Hobbyfotografen stellten ihre Bilder kostenlos bereit. Wir danken allen, insbesondere Volker Plattner, der für weitere Aufnahmen eigens nach Siebenbürgen reiste. Auch der bedeutende Bildhauer Peter Jacobi stellte uns Fotos zur Verfügung.
Wie haben Sie die Arbeit untereinander aufgeteilt?
Heidrun Negura: Ich schrieb den ersten Entwurf der Texte, entwickelte die Grundstruktur und recherchierte die meisten Bilder. Hon.-Prof. Dr. Konrad Gündisch bearbeitete die Texte aus historischer Sicht. Ohne sein Wissen wäre im Schloss keine der neun Themenwände entstanden. Dann kürzte ich wieder, denn auf einer Wand müssen Texte verständlich und knapp bleiben, Herr Gündisch lektorierte.
Dr. Radu Nebert: Ich entwickelte das visuelle Konzept und teilte die Wand ein. Das beeinflusst dann wieder die Texte: Was passt auf eine Fläche? Wo braucht ein Bild Raum? Was muss kürzer werden? Es kamen neue Fotos dazu. Wir arbeiteten ständig hin und her. Später nummerierte ich die Fotos, Heidrun schrieb die Bildunterschriften und Konrad prüfte alles noch einmal. Es entstanden viele Varianten.
Was zeigt die Themenwand?
Heidrun Negura: Sie erzählt nicht einfach chronologisch. Am Anfang steht die Kirchenburgenlandschaft mit einer großen Karte. Dann erklären wir die Funktionen der Kirchenburgen und die unterschiedlichen Typen: Wehrkirchen, Kirchenburgen, Höhenfliehburgen, Bauernburgen, Gräfenburgen, Ordensburgen und befestigte Klosteranlagen. Danach geht es um historische Entwicklungen, die Reformation, Städte und typische Details: Tore, Glocken, Gestühl, Orgeln, Treppenaufgänge und andere Bauelemente. Einen weiteren Teil bilden Bedrohung im Kommunismus, Exodus und Verfall. Am Ende steht die Bewahrung des Kulturerbes.
Herr Nebert, die Karte war Ihnen besonders wichtig. Warum?
Dr. Radu Nebert: Mit einer Karte beginnt für mich jede Reise. Mein Großvater, ein Geologie-Professor, zeigte bei seinen Vorträgen zuerst eine Karte: Wo befinden wir uns? Das wollte ich auch für diese Themenwand. Wir konnten keine vorhandene Karte einfach übernehmen. Unsere Karte sollte eigene Fragen beantworten: Wo liegen die Kirchenburgen? Welche Orte gehören zum UNESCO-Kulturerbe? Wie heißen die Orte auf Deutsch und auf Rumänisch? Sie sollte Besucherinnen und Besuchern helfen, die Bilder auf der Wand räumlich einzuordnen.
Die Karte klingt nach einem eigenen Projekt im Projekt.
Dr. Radu Nebert: Das war sie auch. Wir haben Orte aufgenommen, geprüft, wieder herausgenommen und neu eingeordnet. Konrad Gündisch kontrollierte alles sehr genau. Wichtig waren nicht nur die erhaltenen Kirchenburgen, sondern auch Orientierungspunkte und historische Orte. Die Karte musste zugleich präzise und lesbar bleiben. Das war ein ständiges Abwägen.

Die Hauptakteure hinter der Themenwand „Kirchenburgenlandschaft Siebenbürgen“ (von links): Volker Plattner, Hon.-Prof. Dr. Konrad Gündisch, Dr. Radu Nebert, Heidrun Negura und Dr. Axel Froese. Prof. Dr. Ulrich Wien (ganz rechts) gestaltete die Einweihung im März 2026. Foto: Johannes Ganzert
Sie kannten sich aus Hermannstadt. Ihre erste gemeinsame Arbeit war die Themenwand Karpaten für die Treppen im Schloss. Welche Herausforderungen bringen solche Projekte im Schloss mit sich?
Dr. Radu Nebert: Beim Gestalten muss man sehr genau messen und vorausdenken. Die historischen Wände im Schloss sind schief und ungerade. Wie für alle Themenwände, kamen auch für diese Wand Unterkonstruktionen aus Holz und stabile Platten aus witterungsstabilem Alu-Dibond, einem leichten Verbundmaterial, zum Einsatz. So bleibt die Wand langfristig formstabil und wirkt ruhig und hochwertig.
Heidrun Negura: Herausfordernd ist es bei jeder Themenwand, aus einer Fülle von Fotos und Informationen, das Essentielle herauszufiltern. Bei der Umsetzung vor Ort spielten auch diesmal die Handwerker eine zentrale Rolle. Zwei Tage lang arbeiteten sie konzentriert im Schloss. Sie mussten zunächst die Unterkonstruktion anbringen und dann jede Platte exakt ausrichten. Dr. Axel Froese koordinierte diese Arbeiten.
Was unterscheidet diese Themenwand von den früheren Wänden im Schloss?
Heidrun Negura: Sie ist mit rund 18 Quadratmetern die größte Themenwand im Schloss. Sie wurde außerdem in besonders kurzer Zeit erstellt. Und sie ist die erste Themenwand, die öffentlich vom Beauftragten der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten im Bundesministerium des Innern gefördert wurde. Die früheren Themenwände standen im Zusammenhang mit dem abgeschlossenem Spendenprojekt „Siebenbürgen im Schlosshotel“. Darüber wurde die Innenausstattung aller Schlossräume und die Restaurierung der Schlosstreppe rein über Spenden finanziert. Diese neue Wand gehört nicht dazu. Ihre Förderung zielt auf den kulturellen Austausch zwischen Siebenbürgen und Deutschland – und genau dafür steht auch das Projekt.
Wann wurde die Wand eingeweiht?
Heidrun Negura: Beim Kulturwochenende vom 13. bis 15. März 2026. Prof. Dr. Ulrich Wien führte mit kurzen Textteilen durch die Themen der Wand. Zwischendrin liefen die Bilder der Wand in einer Diashow, begleitet von Musik des siebenbürgischen Komponisten Ernst Irtel mit Angela Seiwerth am Klavier und Georg Ongert am Cello. Ich freue mich sehr, dass Radu bei dieser Einweihung mit vor Ort sein konnte. Die Einweihung ist dank Karl Bulkescher inzwischen als Video auf dem YouTube-Kanal @SchlossHorneck des Schlossvereins abrufbar: https://youtu.be/_lJcEQCLrJA?is=UWBWdSmroaDFp6F3
Herr Nebert, Sie wirken nicht nur als Grafikdesigner mit. Sie sind auch Vorsitzender des Demokratischen Forums der Deutschen in Siebenbürgen. Welche Bedeutung hat die Zusammenarbeit mit Schloss Horneck für Sie?
Dr. Radu Nebert: Als Grafikdesigner arbeite ich an der Gestaltung der Themenwand. Im Ehrenamt erlebe ich zugleich, wie wichtig der Austausch zwischen den Institutionen in Siebenbürgen und Deutschland ist. Wir sollten uns immer wieder begegnen, voneinander erfahren und gemeinsame Projekte entwickeln. Das stärkt die Gemeinschaft auf beiden Seiten. Schloss Horneck ist dafür ein wichtiger Ort. Dort bewahren Archive, Einrichtungen und engagierte Menschen Geschichte und Kultur.
Wenn Sie heute vor der fertigen Wand stehen: Worauf sind Sie besonders stolz?
Heidrun Negura: Dass wir es in dieser kurzen Zeit geschafft haben. Und dass die Wand so gut aussieht. Wenn man täglich am Computer an Texten und Bildern arbeitet, verliert man irgendwann den Abstand. Man sieht nur noch Fehler, tauscht Bilder aus, produziert immer neue Varianten. Ich war sehr erleichtert, als ich die fertige Wand im Schloss sah.
Dr. Radu Nebert: Ich freue mich, dass ich im Schloss eine Arbeit hinterlassen konnte, die mir wirklich am Herzen liegt. Meine Firma ist auf Corporate Design, also die visuelle Identität von Unternehmen, spezialisiert. Hier konnte ich an einem Thema mitarbeiten, das zur Geschichte und Kultur unserer Gemeinschaft gehört.
Welche Reaktionen haben Sie erhalten?
Heidrun Negura: Sehr positive Rückmeldungen. Nicht nur von Siebenbürger Sachsen, sondern auch von deutschen Künstlerinnen, Künstlern und internationalen Hotelgästen. Einige möchten nach dem Besuch der Themenwände über Weinland, die Karpaten und die Kirchenburgen selbst nach Siebenbürgen reisen. Siebenbürger Sachsen bleiben oft lange vor den Wänden stehen und suchen vertraute Orte.
Dr. Radu Nebert: Das ist vielleicht die schönste Rückmeldung: Wenn Menschen nicht nur schauen, sondern sich erinnern, erzählen und reisen wollen – wenigstens im Kopf, manchmal aber auch ganz real.
Die Themenwand Kirchenburgen ist nicht Ihr letztes gemeinsames Projekt?
Heidrun Negura: Nein. Wir haben bereits weitere Projekte gemeinsam umgesetzt, etwa Roll-ups und Flyer für den Schlossverein. Wir wollen gerne eine neue Informationsbroschüre über Schloss Horneck und ein Leporello zum Spendenprojekt „Siebenbürgen im Schlosshotel“ erstellen. Es fehlen noch die nötigen Mittel zur Umsetzung.
Dr. Radu Nebert: Die Zusammenarbeit in dieser Runde hat sich bewährt. Bei solchen Projekten ergänzen sich Texte, historische Genauigkeit, Bildauswahl und Gestaltung. Wir haben auch für nächste Vorhaben viele Ideen.
Das Interveiw führte Heidi Rau
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