Siebenbürgen und die Siebenbürger Sachsen

„..ihr Schicksal ist ein Stück deutscher Geschichte überhaupt…“

Bundespräsident Prof. Dr. Theodor Heuss


Siebenbürgen

Siebenbürgen (Lateinisch: Transylvania; Rumänisch: Transilvania, Ardeal; Ungarisch: Erdély)  
ist eine Region im Karpatenbogen, die im Mittelalter und in der Neuzeit zu Ungarn bzw. Österreich-Ungarn gehörte und heute ein Teil von Rumänien ist.

Kennzeichnend für Siebenbürgen ist das Zusammenleben unterschiedlicher Völker (Rumänen, Ungarn, Deutsche, Roma, Juden, Armenier u.a.) und Religionen (griechisch-orthodox, römisch-katholisch, griechisch-katholisch, evangelisch-lutherisch, reformiert, antitrinitarisch, mosaisch u.a.), somit der wechselseitige Einfluss auf Geschichte und Kultur und die frühe Herausbildung von Grundsätzen der gegenseitigen Toleranz und der Demokratie.


Die Siebenbürger Sachsen - chronologischer Überblick

Die Siebenbürger Sachsen sind neben den Deutschbalten die älteste deutsche Siedlergruppe im östlichen Europa.

Im Laufe der Jahrhunderte haben die Siebenbürger Sachsen, im Zusammenwirken mit anderen Ethnien und Kulturen, eine eigenständige politische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Entwicklung erfahren und entfaltet, eigene Dialekte entwickelt und die deutsche Sprache bewahrt.


ab 1141

erste Siedler aus Regionen des Römisch-Deutschen Reiches werden im Karpatenraum von den damaligen Herrschern des mittelalterlichen Königreichs Ungarn angesiedelt, um die Region wirtschaftlich zu erschließen und gegen auswärtige Angriffe zu verteidigen. Sie kommen aus allen Teilen des Reiches, vorwiegend aus dem Rhein-Mosel-Raum (Bistümer Köln und Trier).

1211-1225

Der Deutsche Orden errichtet in Siebenbürgen Burgen und gründet Dörfer und versucht eine eigene Staatsbildung.

1224

Privileg („Goldener Freibrief“) von König Andreas II. für die Siebenbürger Sachsen, mit wichtigen Vorrechten: Persönliche Freiheit, Selbstverwaltung, eigene Gerichtsbarkeit, Eigenkirchlichkeit u.a.

13.-14. Jh.

Gründung der Städte Hermannstadt/Sibiu, Kronstadt/Brasov, Schäßburg/Sighisoara, Mühlbach/Sebes, Bistritz/Bistrita, Klausenburg/Cluj und anderer, in denen Handel und Handwerk gedeihen, sich Bildung und Kultur entwickeln.

15.-16. Jh.

Bedrohung durch das Osmanische Reich, wiederholte Türkeneinfälle, Ummauerung der Städte und der Kirchen (spezifisches Verteidigungssystem von rund 300 Wehrkirchen/Kirchenburgen).

1486

Gründung der Sächsischen Nationsuniversität/Universitas Saxonum als gemeinsames Selbstverwaltungsgremium aller freien Siebenbürger Sachsen, oberste Gerichtsinstanz und mit militärischen Befugnissen in der Landesverteidigung, geführt vom Sachsengrafen/Comes Saxonum Sie wird erst 1876 aufgelöst.

1541-1699

Fürstentum Siebenbürgen unter osmanischer Oberherrschaft: Die Siebenbürger Sachsen bilden einen der drei Stände des Staates, beteiligen sich an der Fürstenwahl, der Gesetzgebung (mit Vetorecht) und der Landesverteidigung.

1550

Die Siebenbürger Sachsen treten im Zuge der Reformation geschlossen zum Luthertum über („Kirchenordnung aller Deutschen in Siebenbürgen“). Zusammen mit den anderen Religionsgemeinschaften entwickeln sie ein System der gegenseitigen Toleranz (1568: Edikt von Thorenburg/Turda), das damals einzigartig in Europa ist.

1583

„Statuta oder Eygen-Landrecht der Siebenbürger Sachsen“ wird gedruckt und ist Grundlage der Rechtsprechung

1690

Leopoldinisches Diplom – Nach der österreichischen Besetzung Siebenbürgens im Zuge des Großen Türkenkrieges (1683-1699) anerkennt Kaiser Leopold I. den Sonderstatus Siebenbürgens, die Vorrechte seiner Stände sowie die Religionsfreiheit im Fürstentum Siebenbürgen.

1699

Frieden von Karlowitz/Karlovci: Völkerrechtliche Anerkennung des Anschlusses Siebenbürgens an die Habsburgermonarchie. 

1765

Gründung des Großfürstentums Siebenbürgen im Rahmen der Habsburgermonarchie.

1867

Österreichisch-ungarischer Ausgleich, Siebenbürgen gehört nunmehr zur ungarischen Reichshälfte der Doppelmonarchie. Die Siebenbürger Sachsen haben sich der Magyarisierungstendenzen zu erwehren, erleben aber auch eine neue wirtschaftliche Blüte.

1918

in Karlsburg/Alba Iulia wird der Anschluss Siebenbürgens an das Königreich Rumänien proklamiert; völkerrechtlich wird der Anschluss durch den Vertrag von Trianon (1920) sanktioniert. Die Siebenbürger Sachsen müssen sich gegen Romanisierungstendenzen wehren, wirtschaftliche Einbussen insbesondere durch die Agrarreform (1921), allerdings ist die deutsche Minderheit im Parlament vertreten. Nationalsozialistische „Erneuerungsbewegungen“ finden Zuspruch.

1940

Anerkennung der Nationalsozialistischen Deutschen Volksgruppe in Rumänien  als Vertretung der deutschen Minderheit durch den rumänischen Staat. Während des Zweiten Weltkriegs werden die Siebenbürger Sachsen in das rumänische und ab 1943 (Vertrag Hitler-Antonescu) auch ins deutsche Heer bzw. die Waffen-SS einberufen. Zahlreiche Soldaten fallen oder werden verwundet.

1944

Rumänien wechselt die Fronten, die Rote Armee besetzt das Land, die kommunistische Machtergreifung wird vorangetrieben. Den Rumäniendeutschen werden die bürgerlichen Rechte aberkannt, 1945 erfolgt die Deportation arbeitsfähiger Männer und Frauen zur „Wiederaufbauarbeit“ in die Sowjetunion.

1947

Proklamation der Rumänischen Volksrepublik, kommunistische Umgestaltung des Landes mit zweiter Agrarreform, Enteignung der Banken und Unternehmen, Gründung von LPGs („Kollektivwirtschaften“). Die Kollektivstrafen für die Rumäniendeutschen werden ab 1949 abgemildert, Schulunterricht, Zeitungen („Neuer Weg“), Theater in deutscher Sprache zugelassen. Der allgemeine kommunistische Terror, unter dem alle Bewohner des Landes leiden, bleibt bestehen, wird nach 1956  sogar intensiviert (Schauprozesse wie jener gegen rumäniendeutsche Schriftsteller); die allmächtige „Securitate“ überwacht und bespitzelt alle Bürger.

1949

Gründung der Landsmannschaft (heute: Verband) der Siebenbürger Sachsen als politische Interessenvertretung der in Deutschland lebenden Siebenbürger Sachsen; zahlreiche wissenschaftliche, kulturelle, soziale, kirchliche Vereine sowie Heimatortsgemeinschaften nehmen ihre Arbeit wieder auf oder werden gegründet. Der Hilfsverein „Johannes Honterus“ erwirbt Schloss Horneck und richtet das „Heimathaus Siebenbürgen“ mit Altenheim, Museum und Bibliothek ein.

1965

Proklamation der Sozialistischen Republik Rumänien. Unter Partei- und Staatschef Nicolae Ceausescu  werden – nach einer kurzen Phase der Liberalisierung -  die kommunistischen Machstrukturen gefestigt, eine überhitzte Industrialisierung durchgeführt, die Bildung einer einheitlichen sozialistischen (rumänischen) Nation vorangetrieben. Immer mehr Siebenbürger Sachsen siedeln nach Deutschland aus, insbesondere nach Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zur Bundesrepublik (1967).

1989

„Revolution“ gegen die kommunistische Herrschaft, Ausrufung der Republik Rumänien. Es setzt ein Massenexodus der Rumäniendeutschen ein. Die Verbliebenen organisieren sich noch 1989 im „Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien“.

2007

Rumänien wird Mitglied der Europäischen Union, Hermannstadt/Sibiu zusammen mit Luxemburg Europäische Kulturhauptstadt. Deren seit 2000 amtierender Bürgermeister Klaus Werner Johannis, ein Siebenbürger Sachse, wird 2014 zum Staatspräsidenten der Republik Rumänien gewählt.


Die Siebenbürger Sachsen heute

Ca. 200.000 Siebenbürger Sachsen leben heute in Deutschland, ein geringer, aber sehr aktiver Teil lebt in Rumänien, weitere in Österreich, den USA, Kanada und anderen Ländern.

Die Siebenbürger Sachsen wirken heute, wie früher, als Vermittler zwischen den Ethnien und Kulturen Siebenbürgens und als Brückenbauer zwischen Ost und West.